Nein, ich habe nicht versehentlich eine Grenze überquert – auch wenn man das in Hinblick auf die zwölf Personen, die es sich in dem rund fünf Quadratmeter großen Raum bequem gemacht haben, im ersten Augenblick durchaus denken könnte. Ich habe nur das Wartezimmer meines Frauenarztes betreten. Farbenfrohe fremdländisch
anmutende Gewänder lassen fast Urlaubsfeeling aufkommen; einige der Frauen nehmen ein zweites Frühstück ein und haben sich um Tupperdosen mit Oliven und Schafskäse versammelt.
Mein Mann hat mich mal gefragt, warum ich mir unbedingt diesen Arzt mitten im Zentrum und sozialen Brennpunkt der Stadt aussuchen musste und ich habe was von Empfehlung und „total netter Typ“ gefaselt. Die Wahrheit ist: Es war die einzige Praxis, bei der ich vor Erreichen des Rentenalters einen Termin bekommen habe.
Es ist nur noch ein Stuhl frei und ich quetsche mich arglos neben ein lautstark telefonierendes Kopftuch und eine blonde Mittzwanzigerin, zu deren Füßen ein leicht übergewichtiges Kind hockt und mich übellaunig anglotzt. Das Kopftuch scheint ein fernmündliches Streitgespräch zu führen, jedenfalls brüllt es in einer Lautstärke in den Hörer als würde es auf dem Petersdom predigen. Ohne Mikro. Vielleicht dreht sich die Unterhaltung aber auch einfach nur über`s Wetter. Ich überlege kurz, den nächsten Volkshochschulkurs „Türkisch für Anfänger“ zu belegen, aber wirklich nur kurz, denn in diesem Augenblick fängt der ca. 6-jährige Junge auf dem Boden an, seiner Mutter in regelmäßigen Abständen gegen das Schienbein zu treten und nimmt meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch.
„JEREMY!!!!“, schreit die Blondine prompt und verteilt dabei Flugspucke fein säuberlich im gesamten Raum, was daran liegen könnte, dass ihr in vorderer Reihe ein paar Zähne fehlen: „Man tretet seine Mama nicht!!“ Oha. Plusquamperfekt Singular dritte Form Imperativ. Den Nachwuchs hingegen scheint das mangelnde Grammatikverständnis seiner Mutter nicht weiter zu stören. Erst die sofort darauffolgende Drohung: „JEREMY!! DIE MAMA TUT JETZT DEN OSTERHASEN ANRUFEN!“ zeigt Wirkung und zwar in Form von sirenenartigem Geheule, das selbst das Telefonat zu meiner Rechten mühelos übertönt. Ich notiere mir gedanklich, mein Kind nie mit dem Osterhasen zu erpressen.
Auch die Blondine hat offenbar zwischenzeitlich ihren Fehler erkannt und versucht einzulenken. „Dann entschuldige Dich gefälligst!“, fordert sie. „`tschuldigung“, sagt Jeremy und wischt sich mit dem Ärmel den Rotz unter der Nase weg. Was seine Mutter daraufhin antwortet, kann ich leider nicht mehr verstehen. Es war ja schon vorher nicht ganz leise, aber jetzt macht ein ohrenbetäubender Lärm jegliche Verständigung unmöglich.
Es dauert eine Weile, bis ich realisiere, dass es sich bei dem Krach um einen Klingelton handelt, der in den orientalischen Top Ten vermutlich einen der ersten Plätze belegt. Die Besitzerin des Handys macht keine Anstalten, das Gespräch anzunehmen. Fast alle Anwesenden fangen an, rhythmisch mit dem Kopf zu nicken, drei von ihnen
stimmen einen Kanon an. Sogar meine kopftuchtragende Nachbarin lässt Streit Streit oder Wetter Wetter sein und klatscht gutgelaunt in die Hände. Ich spiele mit dem Gedanken, dass ganze auf Video aufzunehmen - ehrlich, nachher glaubt mir wieder kein Schwein! – aber da geht die Tür auf und die nette Arzthelferin ruft meinen Namen auf.
Ich erreiche die Tür gerade noch rechtzeitig, so trifft mich nur eines der Bauklötzchen, mit denen Jeremy gerade um sich wirft, am Hinterkopf. Ich drehe mich noch mal um und zische ihm ein einziges Wort entgegen.
„OOO-STER-HAA-ASE!!“
Augenblicklich verzieht sich das kleine, feiste Gesicht. Ich schäme mich ein bisschen, aber was soll´s. Ist ja nicht mein Kind. Als ich den Raum verlasse, kann ich es nicht verhindern, dass mir ein paar Tränen der Erleichterung die Wange hinunterlaufen und in meinen Ausschnitt tropfen.
Das tun sie auch noch ein paar Minuten später, nämlich als ich auf dem Monitor ein kleines Herz schlagen sehe und die Worte „Alles bestens, Frau A.“ höre. Und das ist es eigentlich auch, was ich Euch ursprünglich mitteilen wollte ...
