• Gestern beim FA ...

    Nein, ich habe nicht versehentlich eine Grenze überquert – auch wenn man das in Hinblick auf die zwölf Personen, die es sich in dem rund fünf Quadratmeter großen Raum bequem gemacht haben, im ersten Augenblick durchaus denken könnte. Ich habe nur das Wartezimmer meines Frauenarztes betreten. Farbenfrohe fremdländisch
    anmutende Gewänder lassen fast Urlaubsfeeling aufkommen; einige der Frauen nehmen ein zweites Frühstück ein und haben sich um Tupperdosen mit Oliven und Schafskäse versammelt.

    Mein Mann hat mich mal gefragt, warum ich mir unbedingt diesen Arzt mitten im Zentrum und sozialen Brennpunkt der Stadt aussuchen musste und ich habe was von Empfehlung und „total netter Typ“ gefaselt. Die Wahrheit ist: Es war die einzige Praxis, bei der ich vor Erreichen des Rentenalters einen Termin bekommen habe.

    Es ist nur noch ein Stuhl frei und ich quetsche mich arglos neben ein lautstark telefonierendes Kopftuch und eine blonde Mittzwanzigerin, zu deren Füßen ein leicht übergewichtiges Kind hockt und mich übellaunig anglotzt. Das Kopftuch scheint ein fernmündliches Streitgespräch zu führen, jedenfalls brüllt es in einer Lautstärke in den Hörer als würde es auf dem Petersdom predigen. Ohne Mikro. Vielleicht dreht sich die Unterhaltung aber auch einfach nur über`s Wetter. Ich überlege kurz, den nächsten Volkshochschulkurs „Türkisch für Anfänger“ zu belegen, aber wirklich nur kurz, denn in diesem Augenblick fängt der ca. 6-jährige Junge auf dem Boden an, seiner Mutter in regelmäßigen Abständen gegen das Schienbein zu treten und nimmt meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch.

    „JEREMY!!!!“, schreit die Blondine prompt und verteilt dabei Flugspucke fein säuberlich im gesamten Raum, was daran liegen könnte, dass ihr in vorderer Reihe ein paar Zähne fehlen: „Man tretet seine Mama nicht!!“ Oha. Plusquamperfekt Singular dritte Form Imperativ. Den Nachwuchs hingegen scheint das mangelnde Grammatikverständnis seiner Mutter nicht weiter zu stören. Erst die sofort darauffolgende Drohung: „JEREMY!! DIE MAMA TUT JETZT DEN OSTERHASEN ANRUFEN!“ zeigt Wirkung und zwar in Form von sirenenartigem Geheule, das selbst das Telefonat zu meiner Rechten mühelos übertönt. Ich notiere mir gedanklich, mein Kind nie mit dem Osterhasen zu erpressen.

    Auch die Blondine hat offenbar zwischenzeitlich ihren Fehler erkannt und versucht einzulenken. „Dann entschuldige Dich gefälligst!“, fordert sie. „`tschuldigung“, sagt Jeremy und wischt sich mit dem Ärmel den Rotz unter der Nase weg. Was seine Mutter daraufhin antwortet, kann ich leider nicht mehr verstehen. Es war ja schon vorher nicht ganz leise, aber jetzt macht ein ohrenbetäubender Lärm jegliche Verständigung unmöglich.

    Es dauert eine Weile, bis ich realisiere, dass es sich bei dem Krach um einen Klingelton handelt, der in den orientalischen Top Ten vermutlich einen der ersten Plätze belegt. Die Besitzerin des Handys macht keine Anstalten, das Gespräch anzunehmen. Fast alle Anwesenden fangen an, rhythmisch mit dem Kopf zu nicken, drei von ihnen
    stimmen einen Kanon an. Sogar meine kopftuchtragende Nachbarin lässt Streit Streit oder Wetter Wetter sein und klatscht gutgelaunt in die Hände. Ich spiele mit dem Gedanken, dass ganze auf Video aufzunehmen - ehrlich, nachher glaubt mir wieder kein Schwein! – aber da geht die Tür auf und die nette Arzthelferin ruft meinen Namen auf.

    Ich erreiche die Tür gerade noch rechtzeitig, so trifft mich nur eines der Bauklötzchen, mit denen Jeremy gerade um sich wirft, am Hinterkopf. Ich drehe mich noch mal um und zische ihm ein einziges Wort entgegen.

    „OOO-STER-HAA-ASE!!“

    Augenblicklich verzieht sich das kleine, feiste Gesicht. Ich schäme mich ein bisschen, aber was soll´s. Ist ja nicht mein Kind. Als ich den Raum verlasse, kann ich es nicht verhindern, dass mir ein paar Tränen der Erleichterung die Wange hinunterlaufen und in meinen Ausschnitt tropfen.

    Das tun sie auch noch ein paar Minuten später, nämlich als ich auf dem Monitor ein kleines Herz schlagen sehe und die Worte „Alles bestens, Frau A.“ höre. Und das ist es eigentlich auch, was ich Euch ursprünglich mitteilen wollte ...

  • Alle Jahre wieder

    Die Frage wird meist im Juni das erste Mal gestellt. Von der Familie. Von zurückgelassenen Freunden. Von Gläubigern. Sie lautet "Du kommst doch Weihnachten, oder, Brittel?!?"

    Aber wer denkt bei 30 Grad im Schatten schon an Bratäpfel und eine schöne Bescherung? Ich bleibe stets gelassen. Mitte November allerdings - kaum habe ich in Anwandlung vorweihnachtlicher Stimmung ein kleines Teelicht auf dem Küchentresen entzündet - nimmt die Sache einen weitaus bedrohlicheren Charakter an. Vor allem, seit meine Eltern nebenan wohnen.

    "Heilig Abend. 18 Uhr. Du kommst doch, oder, Brittel?!?"
    Meine Mutter schaut mich erwartungsvoll an.
    Ich zucke zusammen.
    "Oder??" Brittel??!"
    "Ja, Mama", winsel ich und denke: "Ich werde nie erwachsen!"
    "Prima", schnaubt Mutti zufrieden und denkt: "Sie wird nie erwachsen!"

    Ja, es gab Jahre, in denen ich rebellierte. Einmal zum Beispiel bin ich extra an das andere Ende der Welt geflüchtet und habe Weihnachten am Strand verbracht. Dunkelhäutigen Ureinwohnern mit angeklebten, weißen Rauschebärten dabei zuzusehen, wie sie unter lauten HOHOHO-Rufen um ein Lagerfeuer hüpften, war allerdings auch stark gewöhnungsbedürftig. Ein anderes Mal habe ich mich von Freunden zu einem Skiurlaub überreden lassen. Da war eigentlich alles wie Zuhause. Nur, dass man in dem Bergkaff lediglich drei Fernsehsender empfangen konnte, die Kirche etwas kleiner war und Kapelle genannt wurde und ich für das Essen bezahlen musste, weil wir auf die örtliche Gastronomie angewiesen waren.

    Vor drei Jahren, in meiner kurzen Zeit als Single, habe ich mir fest vorgenommen, mal ein Weihnachtfest ganz nach meiner Vorstellung zu feiern. Gut ausgerüstet mit einem Sixpack von der Tanke sowie einigen Videofilmen ("Nightmare on Elm Street", "Hannibal", "Die Mächte des Wahnsinns") fing der Tag auch ganz gemütlich an. Abends wurde mir dann aber doch ein bißchen langweilig und ich rief ein paar Freunde und Bekannte an, und, weil ich keinen erreichte (wahrscheinlich alle bei der Familie, in der Südsee oder Skifahren), Leute aus dem Telefonbuch, um ein bißchen zu plaudern. Nebenbei leerte ich noch ein Fläschen Verpoorten.

    Ich wachte, lediglich mit einem roten Mantel aus der Karnevalskiste bekleidet, im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses auf, in dem ich damals wohnte. Keine Ahnung, wie ich da hingekommen bin. Mit halb geschlossenen Augen und dröhnendem Schädel beobachtete ich, wie die zwölfköpfige Familie Kaiser aus dem Dachgeschoss sich an mir vorbeiquetschte. Wahrscheinlich auf dem Weg zur Christmette.

    "Schau mal, Papa, ist das der Weihnachtsmann?", höre ich die Stimme des zehnjährigen kleinen Kaisers. Er tritt mich vorsichtig in die Seite, so wie man eine plattgefahrene Katze am Straßenrand anstößt, um zu schauen, ob sie noch lebt. "Nee", lacht Vater Kaiser, "das ist nur Brittel. Frohe Weihnachten!" Ihr Gelächter klingt mir noch lange in den Ohren. In diesem Moment ist mir, das gebe ich zu, nicht viel klar, aber eines schon: Weihnachten künftig nur noch bei Mutti!!

  • Pokernacht

    Five minutes to learn, a lifetime to master
    Bekannte Weisheit unter Pokerspielern

    "Jetzt mal ernsthaft", haut Sabine meine private Krankenschwester Sonja an, die rechts neben ihr am Tisch sitzt: "Die Bilder sind etwas freizügig. Meinst Du, ich sollte die veröffentlichen lassen?" Dabei holt sie einen Stapel Fotos aus ihrer Handtasche. Bernds Schleimhäute legen in aufkommender Vorfreude bereits Sonderschichten ein.

    Mal abgesehen davon, dass ich über diese Problematik bereits vorgestern einige Stunden mit Sabine diskutiert habe, ist das hier einfach nicht das Thema. Das Thema während einer Pokernacht ist nämlich Poker. Wie der Name schon sagt. Unmissverständlich eigentlich. Eine Veranstaltung, bei der es um die andächtige Zelebrierung eines Kartenspiels geht. Stunden voller Sachverstand und Leidenschaft.
    So schön könnte es sein.
    Ist es aber nicht.
    Nicht im "Heads up" mit Sabine.

    Sabine?! Werden sich jetzt einige von Euch sicher fragen - war das nicht die, die Brittel gestern unbedingt noch los werden wollte? Nun. Eigentlich schon. Aber ich bin noch nicht dazu gekommen, ihr das unmissverständlich ... als sie uneingeladen ... egal ... und wo sie schon mal da ist, kann sie ja auch gleich mitspielen. Wenigstens hält sie dann die Klappe. Dachte ich zumindest.

    "Liebe Sabine", beginne ich, wobei mein Lächeln meine Augen nicht erreicht, "Du bist dran."
    "Ach", flötet Sabine, "schon wieder?!"
    Ich sehe sie finster an.
    "Dann check ich."
    Mein Lächeln hat nun auch den Lippenbereich verlassen.
    "Du kannst nicht checken", erkläre ich, mich noch mühsam beherrschend, "Ich habe bereits 400 gesetzt."
    "Hach ja." Sabine guckt entschuldigend in die Runde. Und denkt. Und denkt. Und hätte wohl noch noch lange gedacht, wenn ich nicht auf die Idee gekommen wäre, ihr ein wenig Hilfestellung zu leisten:
    "Nun mach` schon! Entweder Du schmeißt 400 rein oder Du steigst aus!"

    Sabine legt 200 in die Mitte.

    Jetzt reicht`s.

    "Verdammt noch mal", brülle ich und werfe zur Unterstützung mit einer Handvoll Erdnuss-Flips auf die plötzlich sehr ernst dreinblickende Pest. "Was hast Du eigentlich hier verloren? Du kannst noch nicht mal ein Full House von einem Flush unterscheiden. Und wahrscheinlich hälst Du Chris Moneymaker für ein Mitglied einer Boyband. Und jetzt... ", schließe ich meine flammende Rede ab und schmeiße triumphierend meine Karten auf den Tisch, "Showdown! Straight!"

    Einen Moment lang herrscht peinlich berührte, himmlische Stille im Raum. Als ich gerade dabei bin, die Chips aus der Tischmitte zusammenzuraffen, höre ich die die Stimme meines Mannes, der mir gegenübersitzt.

    "Ähh. Schatz. Dir fehlt irgendwie die 10."

    Kann ich mich tatsächlich so verguckt haben??

    Ich kann.

    Sabine grinst und hält ihre zwei Asse hoch.

    Ich gehe ins Bett.

  • Sabine

    "Klar, Sabine, dann kommst Du mich mal besuchen, irgendwann, und dann machen wir ein Fass auf!" - das habe ich zu der etwas aufdringlichen Mittdreißigerin, die ich vage von früher kenne, auf einer Party am vergangenen Freitag gesagt. Und nicht mehr dran gedacht. Bis gestern. Da klingelte mein Telefon.

    "Hallo Brittel. Altes Blockflötengesicht. Alles paletti?! Bin grad in der Nähe. Ankunft in ca. 30 Minuten. Kein Sektempfang nötig." Sabine spricht immer in kurzen Sätzen. Dafür bildet sie recht viele davon. Muss an ihrer Zeit beim Bund liegen. Meine Ausreden "Du - heute ist schlecht. Ich muss meine Oma vom Bahnhof ... der Hamster ist krank ... auf RTL2 läuft grad ..." hört sie gar nicht mehr. Schon aufgelegt. Super.

    Das ist mal wieder typisch. Auf Partys vergesse ich regelmäßig meine mühsam zurechtgelegten Sozialgesetze, die da lauten: Spreche niemanden an, der alleine an der Bar rumhängt und außer dem Kellner offensichtlich sonst keine Freunde hat. Und zweitens: Verrate niemanden - selbst wenn es sich um eine alte Bekannte handelt - Deine aktuelle Adresse. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass Sabine vor zwanzig Jahren ein nettes Mädel und in keinster Form verhaltensauffällig war.

    Keine zehn Minuten später unterhalte ich mich über unsere Inneneinrichtung (Sabine steht ja mehr so auf Eiche rustikal oder wahlweise Ikea - "Weil man da weiß, was man kriegt" ) und diskutiere heftig, ob Sabine der Veröffentlichung ihrer Nacktfotos in einem drittklassigen Schmuddelheftchen zustimmen sollte (Weil`s Euch sicher interessiert: Ich bin dagegegen. Sabine ist dafür. Vor allem, weil die Fotos "Niwoh" haben. Und wegen der Kohle.) Außerdem bittet sie mich, sie zu ihrer Rücken-OP zu begleiten: "Weil sie sonst niemanden kennt". Zeitlich könne sie sich da vollkommen meinem Terminkalender anpassen ...

    Ich überstehe den Abend nur, indem ich unmäßig trinke. Aber so viel Alkohol gibt es nicht auf dieser Welt, um dieses Treffen aus meinem Gedächtnis zu löschen. Glaubt`s mir: Ich hab`s versucht. Aber das einzige, was vergessen habe, sind die binomischen Formeln und der Name meines Patenkindes. Als ich aufwache, ist Sabine weg. Dafür piept mein Handy seither ununterbrochen. "Was für netter Abend das gewesen wäre. Was für ein Glück, dass sie demnächst umzieht und dann nur noch zwei Straßen entfernt wohnt. Dann könnten wir uns öfter sehen."

    Ich habe keine Ahnung, wie ich die wieder loswerde. Aber eins steht fest: Ich brauche Hilfe!

  • Unter Promis

    "Also Leute", spricht Lohmann, mein Chef, "Wir müssen an die Leser denken. Ich brauche jemanden, der mittenrein geht. Ein paar peinliche Fotos. Ein paar taktlose Fragen...". Dann schaut er mich an. Das war klar. Meine Kollegen heulen erleichtert auf. Ich überlege nicht lange. Die letzten Wochenenden habe ich damit verbracht, stundenlang Poker zu spielen, Pizza zu essen und mit den Hunden im Wald rumzurennen. Alles zweifellos nette Beschäftigungen, aber richtiger Spaß sieht irgendwie anders aus. "Open Air: Boostedt statt Ballermann - eine Nacht mit Mickie Krause und Co" klingt okay für mich.

    Vier Stunden später versuche ich mich an der langen Schlange am Eingangsbereich vorbeizudrängeln. Ich habe es fast geschafft, als mich ein zweibeiniger 250-Pfünder stoppt. Konzertveranstalter nennen diese Burschen "Security", aber wer ein bißchen Verstand hat, wirft sich besser schleunigst vor ihnen in den Dreck. "He - Moment mal!", röhrt der Koloss mich an. Auf seinem T-Shirt steht `Ich töte Pinguinbabys für Geld`. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Typ den Unterschied zwischen einem ömmeligen kleinen Vogel und einer attraktiven Redakteurin erkennen kann und halte ihm geistesgegenwärtig meinen Presseausweis unter die Nase. Schon habe ich einen neuen Freund gefunden. "Dann man viel Spaß", ermuntert mich der Killer und haut mir jovial auf die Schulter, "das Buffet soll übrigens prima sein."

    Kurz darauf bin ich von einer Gruppe blutjunger Models umgeben. Sie schlürfen am Champagner, stopfen Schalentiere in sich hinein und verschwinden pärchenweise aufs Klo, wahrscheinlich um zu koksen oder zu kotzen, je nachdem. Zwei Mitglieder einer Boyband haben einen chinesisch aussehenden Kellner halb ausgezogen und auf die Theke drapiert, um etwa zehn Kilo Sushi um die Wette von ihm runterzuknabbern. Das Ganze erinnert an eine Szene aus "Das Große Fressen - Directors Cut", strebt also in ästhetischer Hinsicht ganz Großes an. Im Foyer sitzen ein paar Gestalten, die man irgendwann mal im Big-Brother-Container gesehen hat. Schnell weiter - richtige Promis suchen. Wenn ich keine vernünftigen Fotos anschleppe, wird Lohmann mir ein paar Frechheiten über meine beruflichen Fähigkeiten erzählen. Und zwar in einer Lautstärke, als predige er auf dem Petersdom. Ohne Mikrofon.

    Aber vorher schaue ich erstmal beim Buffet vorbei, wie mir mein neuer Freund geraten hat. Und, was sehe ich da: Neben mir steht der König von Mallorca! Ich nicke höflich und wende mich den Speisen zu, da singt mich doch der Jürgen, ein Gläschen Puffbrause in der Hand, leise an: "Mit dir sofort und ohne Ende, ich leg mein Herz in deine Hände, wenn du willst ich will mit dir sofort." So ein netter Mensch! Und ganz ohne Starallüren! Ich lehne sein Angebot jedoch dankend ab und helfe ihm auf die Beine, offenbar hat der Stress ihm zugesetzt. Oder er hat einen in der Krone, so auf die Schnelle kann ich das nicht genau beurteilen. Er bedankt sich wortreich, aber unverständlich, und kotzt mir dabei mein geliehenes Gucci-Kleid voll. Ich rufe nach dem 250-Pfünder, aber der faustet gerade einen Stagediver nieder. Also zerre ich Onkel Jürgen durch eine Seitentür. Leider bin ich etwas desorientiert. Kaum hat sich die Tür geöffnet, brandet lauter Applaus auf und ein Typ mit komischer Frisur und riesiger Sonnenbrille schaut irritiert an uns herunter. Onkel Jürgen fühlt sich gleich wie zu Hause, schnappt sich ein Mikro und legt sich in ein Bett im Kornfeld. Mickie ist amüsiert. Ohne sich weiter um den kreischenden Jürgen zu kümmern, setzt er seine Darbietung fort. Als gerade eine Kamera - hatte ich erwähnt, dass das Festival im Fernsehen übertragen wird? - nah an mich heranzoomt, kommt es zum Refrain. Dreitausend berauschte Kids, ein grinsender Sänger und Lohmann am Fernsehbildschirm schreien mich aus voller Seele an: "Geeehh` doch naaaach Haaauusee...!"

    Ich werde unseren Hof nie wieder verlassen!

  • Wieder eine Nacht

    Wieder eine Nacht, die wir in einer Kneipe zugebracht ... Von wem war das Lied noch gleich? Hannes Wader?
    Ich frage Bernd. "Du, Bernd, von wem war eigentlich `Wieder eine Nacht`? Wader?"
    Bernd stiert in sein leeres Glas. "Weiß ich doch nich`... Wie spät isses überhaupt?"
    Es ist halb drei. In der Nacht. Halb drei ist spät, zehn Biere sind viel. Wir haben alles besprochen, alle Witze sind gemacht, eigentlich könnten wir jetzt langsam mal nach Hause gehen.

    "Na los, wir darten noch `ne Runde. Komm.", grunzt Bernd. Darten mit Bernd ist anstrengend. Insbesondere nachts um halb drei und mit zehn Bieren intus. Wenn ich zehn Biere getrunken habe, werde ich melancholisch, bewege mich geistig nur noch innerhalb von Liedfragmenten und denke an den Tod. Was mir und dir noch bleibt, von wem war das denn damals? Klaus Hoffmann, genau, der war das. Lebt der eigentlich noch?

    "Los, wir darten jetzt!" Bernd ist ungeduldig, keine Frage. Auch er legt nach zehn Bieren bereitwillig Areale seiner Seele frei, für die es nie einen festen Bebauungsplan gab. "Also gut, wir darten", antworte ich schicksalsergeben, "aber du redest kein Wort dabei, verstanden? Wenn du redest, höre ich sofort auf und gehe, verstehst du? Wenn du redest, bin ich weg."

    Der Dartautomat steht neben dem Tresen. Schnelle Bestandsaufnahme: Männer, die nichts mehr wissen, ein paar Frauen, die ... es wissen wollen? Habe ich das gedacht? Nein, Bernd hat es gesagt. "Ich glaube, die Kleine da an der Theke - die will es wissen", grummelt er und deutet mit der rechten Augenbraue auf eine junge Frau, die mit dem linken Mundwinkel seine Annäherung erwidert, "aber jetzt wird erst einmal gedartet."

    Ich muss mich beim Darten immer unheimlich konzentrieren, deswegen darf während des Spiels nicht gesprochen werden. "Kein Wort", sage ich zu Bernd und fixiere die Scheibe. Bernd will reden, das spüre ich. "Maul halten", blaffe ich kurz. "Ich hab doch nichts gesagt", erwidert Bernd mit beleidigtem Unterton. Mein Pfeil landet in der Gardine. Ich verliere haushoch. "Noch einmal", grinst Bernd und wirft Geld nach. "Okay. Um eine Runde Bier", erhöhe ich sanft den Druck. Erst unter Druck zeigt sich, wer das Spiel wirklich beherrscht. Ich verliere haushoch. "Letztes Spiel?! fragt Bernd. Warum nicht? Die kleine Kneipe in unserer Straße ... singe ich leise und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Bernd quasselt munter drauflos, kommentiert jeden Wurf, bemängelt das Gewicht der Pfeile und die Größe des Bullseye. Widerstand zwecklos. Ich gewinne.

    "Schönes Spiel", sagt Bernd, "und jetzt ab an die Theke." Die Kleine sitzt noch immer da, mehrere leere Tequilagläser sind vor ihr zu einer Pyramide aufgebaut. "Na", beginnt Bernd elegant den Dialog. "Quatsch mich bloß nicht voll", sagt die Kleine. "Ich will ja auch gar nicht quatschen", lächelt Bernd, "wollen wir darten?" Die Kleine nickt, erhebt sich vom Hocker und fällt um. "Na dann nicht", sagt Bernd und wendet sich wieder mir zu: "Gehn wir?" Wir gehen.

  • Klassentreffen

    Manchmal sind soziale Kontakte ganz schön. Meistens nicht. Klassentreffen ordne ich eigentlich der zweiten Kategorie zu. Ich war einmal da. Ein einziges Mal. Bei meinen ehemaligen Klassenkameraden handelt es sich zum Großteil um eine Horde von Rabattmarkensammlern und Dumpfbacken. Außerdem gab ein seltsames afrikanisches Mahl - viel Reis, komische Farben. Ich stand den Abend nur durch, indem ich unmäßig trank, ein paar hundert eilige Telefongespräche vortäuschte und mich für drei Stunden auf der Toilette einschloss. Das war vor zehn Jahren und seither habe ich nie wieder eine Einladung zum Klassentreffen angenommen. Warum jetzt? Selbstzerstörungswünsche? Soziale Verelendung? Auf manche Fragen sucht der Mensch Zeit seines Lebens eine Antwort.

    Ich habe es zwar eigentlich nicht nötig, aber für den Fall der Fälle treffe ich trotzdem einige Vorkehrungen. Das Mercedes-Cabriolet miete ich zum Sparpreis von 600 Euro über das Wochenende. Mein eigenes Auto ist ja zum Glück kaputt. Sonja hilft mir zudem zum wiederholten Mal mit ihrem extravaganten Gucci-Kleid aus und überlässt mir gegen Aufpreis ein Foto ihres niedlichen Sohnes. Leider kenne ich keine Mutter von Zwillingen.

    Die Steigerung der Selbstgeißelung: Ich bin pünktlich. Kaum habe ich die Kaschemme, in der sich geschätzte 40 Schießbudenfiguren tummeln, betreten, geht es auch schon los: "Wer bist Du noch gleich?", fragt mich eine Brünette mit der Figur eines Brühwürfels. Nicht, dass mir ihr Gesicht etwas sagen würde. Aber im Halbdunkel dieses Bierkellers würde ich nicht mal meine eigene Mutter erkennen. "Na, ich bin`s. Brittel!", antworte ich zuvorkommend. "Sagt mir nichts", entgegnet der Brühwürfel, "bist Du eine von denen, die sitzengeblieben sind und nur im Abi-Jahr mit dabei waren?" "Definitiv nicht!" Beleidigt lasse ich sie stehen und wende mich dem Büffet zu. Na prima: Es gibt struppigen Feldsalat, in dem sich eine Fuhre Schafskäse versteckt hält, dazu trockenes Weißbrot. Als Erfrischung wird Samos und Ouzo gereicht. Aha - das Motto lautet also Griechenland. Muss ich auf der Einladung überlesen haben.

    Dreißig Minuten später bin ich dann noch etwas mehr irritiert. Okay, dass ich keiner der Fratzen hier einen Namen zuordnen kann, halte ich für nicht besorgniserregend. Schließlich habe ich mich schon während der Schulzeit nicht sonderlich für das Pack interessiert. Aber die kennen mich ganz offensichtlich auch nicht mehr. Und das finde ich schon verwunderlich.

    "Du erinnerst dich doch an mich, oder?!, quatsche ich eine Blondine mit Betonfrisur an, "Ich war die Einzige im Deutsch-LK, die das Gedicht von Sophie Scholl Lebensweg richtig verstanden hat.
    "Marie von Ebner-Eschenbach.", antwortet die Betonfrisur.
    "Nee", sage ich, "Brittel!"
    Die verwirrte Alte schüttelt den Kopf: "Ich meine: Marie von Ebner-Eschenbach hat Lebensweg geschrieben."

    Und wenn schon. Alles Klugscheißer hier. Meine Laune sinkt. Erstmal kurz auf die Toilette, ein bißchen frisch machen. So weit komme ich allerdings nicht. Eine Bratwurst mit Brille Marke AOK-Kassenleistung robbt sich an mich ran. "Guten Abend", sagt die Wurst ihren Text auf, "ich weiß zwar nicht, wer Du bist, aber ich weiß genau, dass Du noch nicht für`s Essen bezahlt hast!" Ich drücke ihm 30 Euro in die Hand, obwohl ich mir sicher bin, bereits vor Wochen Unsummen für das traurige Schauspiel hier überwiesen zu haben. Was soll`s. Bevor ich mit dem Büttel debattiere... Ich täusche Harndrang vor und flüchte endlich Richtung Klo.

    "Und? Wie läuft`s auf Eurem Klassentreffen so?", höre ich die alleswissende Betonfrisur fragen, die mit einem Magerweibchen vor dem Spiegel steht.
    Ich verstecke mich schnell hinter einer dekorativ platzierten Plastikpalme.
    "Ganz lustig", antwortet das Magerweibchen, das mir irgendwie bekannt vorkommt, "Ihr habt zwar den schöneren Saal bekommen, aber dafür ist bei uns zum Glück Brittel nicht erschienen!" Die Betonfrisur nickt freundlich: "Bei uns läuft so eine seltsame Frau rum, in einem schlecht sitzenden Kleid, die keiner kennt und die ein Mercedes-Cabriolet mit Mietwagenaufdruck auf dem Gehsteig geparkt hat."

    Bevor sich der nette Dialog zwischen meinen beiden neuen Freundinnen fortsetzen kann, entscheide ich mich für einen geordneten Rückzug. Ich bin schon an der Tür und will ohne ein Wort des Abschieds verschwinden, da fasst mir jemand von hinten auf die Schulter. Scheunemann, mein alter Tutor.

    "Schön, Sie hier zu treffen, Brittel", spricht er, "ich habe Sie nie vergessen." Der gute Mann ist offenbar hoch erfreut. Ich bin gerührt. Es ist so schön, wenn man Spuren hinterlässt...
    "Ja", wendet sich Scheunemann an die Betonfrisur und das Magerweibchen, die in diesem Moment die Sanitärräume verlassen, "sie war nämlich mit Abstand die schlechteste Mathematikschülerin, die ich je unterrichtet habe.

    Wie gesagt: Manchmal sind soziale Kontakte ganz schön. Meistens nicht.

  • Der Tag wird scheiße

    Auf dem Weg zur Arbeit an der roten Ampel halten müssen, bemerken, dass das Auto komische Gräusche macht und aus der Motorhaube qualmt, auf den nächsten Parkplatz fahren, Ehemann im Dienst anrufen und sagen, dass man gleich in einem brennenden Fahrzeug sitzen wird, warten bis Ehemann in Uniform und Streifenwagen erscheint, irgendwas von Klimakompressor und "da wird höchstwahrscheinlich nichts brennen" murmelt, ihn dann trotzdem beauftragen, hinterher zu fahren, für den Fall, dass das doch passiert, an der nächsten Kreuzung (warum steht da keine Ampel?) sich kurz fragen "Na, ob Opi und Omi im nagelneuen Opel das Stoppschild und mich gesehen haben?", Sekunden später den Airbag im Gesicht haben und feststellen "Nein, haben sie offensichtlich nicht!", im Rückspiegel das Blaulicht bewundern, aussteigen, erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass es keine Verletzten gibt, das Auto anschauen und diese Aussage korrigieren, schon beim Gedanken an das künftige Benutzen von öffentlichen Verkehrsmittel mal schnell das Kotzen kriegen, Ehemann beruhigen, der vor Freude darüber, dass er den Klimakompressor nun nicht mehr reparieren muss, der Situation ziemlich unangemessen im Kreis grinst, zusehen, wie beide Autos auf den Abschlepper verladen werden, einen Blick auf die Uhr werfen: Zwanzig nach sieben. Der Tag wird scheiße.

  • Der Tag wird gut

    Eine einzige Ampel muss ich auf meinem Weg zur Arbeit passieren. Natürlich ist die immer rot. Immer! Ich trete auf die Bremse und bemerke ein leichtes Vibrieren der Seitenscheibe. Die Musikanlage im Auto neben mir übertönt meine eigene noch um einige Dezibel. Kennt man ja, denke ich. Vollproll. Wahrscheinlich wieder so ein junger Bubi, gerade achtzehn, der sein ganzes Taschengeld in einen aufgemotzten Golf 3 steckt. Ich werfe, leicht genervt, einen Blick nach links.

    In dem blau-silber gestreiften Mittelklassewagen sitzt ein älterer Mann in Uniform und singt lauthals mit, wie ich anhand seiner Mundbewegungen erkennen kann. Wenn man genau hinschaut, kann man sogar ein leichtes Headbangen ausmachen. Ich kann nicht anders: Ich drehe am Knopf meines Radios und finde nach einigen Sekunden den Sender, den mein Ampelnachbar ganz offensichtlich hört. Kein Zweifel: dieses Lied ist es. Die angegrauten Schläfen bewegen sich genau im Takt der Melodie, wenn man denn von einer solchen sprechen möchte. TNT von AC/DC.

    Der Polizist scheint meinen leicht ungläubigen Blick zu bemerken. Er hebt seine Hand zum Gruß und lächelt mich schelmisch an. Die Lichtzeichenanlage springt auf grün. Ich schaue auf die Uhr: Zwanzig nach sieben.

    Der Tag wird gut.

  • Einsam

    "Verzorging: Halfschaduw, géén direkt zonlicht - regelmatig gieten, af en toe bijmesten" - das steht auf der in den Mutterboden gerammten Betriebsanleitung der Zimmerlinde, die mir ein vor Jahren an Wuselfieber verstorbener Onkel hinterlassen hat. Gut, dass ich ein wenig Holländisch kann. Während ich also die im Halbschatten platzierte und dem direkten Sonnenlicht unzugängliche Pflanze liebevoll sprenge und eine baldige Düngung erwäge, höre ich plötzlich eine Stimme, die mir bekannt und gleichzeitig fremd vorkommt:

    "Na, alte Linde, alles klar bei Dir? Schön geschlafen? Gut geträumt und so?"

    Es dauert einige Sekunden, bis es mir klar wird. Ich habe eine Pflanze angesprochen! "Mir ist ziemlich langweilig", fahre ich fort, jede Kontrolle ablegend. "Mein Mann ist zur Arbeit und überhaupt ist gerade kein Mensch auf dem Hof. Da kann man sich schon mal ein bißchen alleine fühlen, oder?" Ich besprühe die Linde mit einem kräftigen Strahl Wasser, sie erschaudert und nickt zustimmend. Ich breite der "parmannia africana" noch einige Minuten schamlos mein Seelenleben aus, als ich plötzlich innehalte. Gewisper dringt an mein Ohr. "Sie ist einsam", tuschelt die Linde entschuldigend. "Sie hat`s nicht besser verdient", raunt der feige Benjamin, den ich schon längst in die grüne Tonne hätte schmeißen sollen. Wozu warten, bis die letzten Blätter fallen?!

    "Okay, Brittel - Pflanzen können nicht sprechen!", versuche ich mein zerknittertes Nervenkostüm zu beruhigen. Ich rufe Bernd an. Seit er von Monika verlassen wurde, ist Bernd der einsamste Mensch, den ich kenne. Bernd redet ständig mit Pflanzen. Als ich ihn letzte Woche zufällig auf dem Seminar "Wohnen auf einem Resthof - Utopie oder eine ziemlich abgefahrene Idee, über die man mal in Ruhe nachdenken sollte" getroffen habe, hatte er einen Farn dabei, den er unaufhörlich beschmuste und mit unverständlichen Koseworten vollraunte. Der Diskussion war das eher nicht zuträglich. Um es kurz zu machen: Bernd gehört zu der Sorte Mensch, die nur aufgrund eines gut gemeinten "Na, wie geht`s?" ihren Gebetsteppich ausrollen und dann Sure um Sure ihres Privat-Korans abspulen.

    "Sag` mal, Bernd", frage ich, noch reichlich aufgewühlt, "Können Pflanzen eigentlich hören? Und noch wichtiger: Können sie sprechen?" "Du wirst lachen", antwortet Bernd, "nicht nur das! Ich kenne eine Prostituierte aus dem Schwabenland, die ihre Arbeitsunlust in einer ruhigen Stunde dem Rhododendron neben ihrem Bett anvertraute. Zwei Tage später erhielt sie die Kündigung von ihrem Zuhälter. Wie sich herausstelle, war der Rhododendron Chef einer Bande bulgarischer Mädchenhändler und in Wirklichkeit ein Bambus, der mit falschen Papieren eingereist ist. Mein Cousin väterlichseits ist übrigens seit Jahren einer Yucca-Palme hörig. Sie zwingt ihn, nur mit einer Küchenschürze bekleidet vor ihr auf und ab zu schreiten und dabei "Imagine" von John Lennon zu singen. Da fällt mir ein ..."

    Ich lege den Hörer zur Seite. Wie gesagt: Bernd ist sehr, sehr einsam...

Über mich
Neueste Kommentare

mehr Kommentare…

Kalender
<< < November 2009 > >>
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30
Freunde (0)

Die Freundesliste ist leer.

Neueste Einträge

mehr Einträge…

Co-Autoren dieses Blogs (0)

Es gibt noch keine Co-Autoren.

Werde Co-Autor
E-Mail-Abonnement

Du kannst die Einträge dieses Blogs per E-Mail erhalten.

Tags

Es gibt noch keine Tags.

Napster

Footer:

Die auf diesen Webseiten sichtbaren Daten und Inhalte stammen von Privatpersonen, blog.de ist für die Inhalte dieser Webseiten nicht verantwortlich.